Die Witwen - Kirche-Lenzen-Lanz-Seedorf

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Predigt über „Die Witwen“
(gehalten am 14. Juni 2009 zu einem regionalen Gottesdienst in Jagel, 100jähriges Jubiläum der Friedhofskapelle)

Liebe Gemeinde,
wissen sie, was ich sehr merkwürdig finde? Haben sie schon mal eine Oper oder Operette gehört oder gesehen, die „Der treusorgende Ehemann“ heißt oder „Die liebliche Ehefrau“ „Die gehorsamen Kinder“ oder „Die spendablen Nachbarn“? Ich nicht, aber was es gibt ist: „Die lustige Witwe“ von Léhar.
Warum wird nun ausgerechnet der traurige Familienstand einer Frau, der alles andere als lustig ist, zum Titel einer Operette gemacht?
Noch eine Merkwürdigkeit. Da gibt es die „Schwarze Witwe“ als Eigenname, ich meine nicht eine frühere Gaststätte in Lanz, die im Volksmund „Zur schwarzen Witwe“ genannt wurde, sondern ich meine eine Spinnenart, die in den USA vorkommt.
Und „Schwarze Witwe“ wird sie deswegen genannt, weil sie ihren Mann nach erfolgreichem Liebesspiel, wenn er sich erschöpft in die Sofaecke zurückzieht, mit einem Giftbiss tötet. Armer Kerl. Und deswegen kommt diese Spinnenart zu ihrem ominösen Namen.
Und manche Kriminalgeschichte gibt gewissen Damen, die dank des klassisch wirksamen Arsen das Vermögen mehrerer Männer gewinnen konnten, ebenfalls diesen Namen.
Es bleibt daher für mich schon etwas irritierend, dass ausgerechnet der für viele Frauen schwere Familienstand „Witwe“ herhalten muss, um solche Merkwürdigkeiten in der Operetten-, Tier- und Kriminalwelt zu klassifizieren.
Die reale Wirklichkeit des Lebens einer Witwe ist für viele Frauen stattdessen eine tägliche Erfahrung, die alles andere als lustig ist.
Neben dem Schmerz des plötzlichen Allein-seins (auch Kinder können diesen Schmerz des Allein-seins nur bis zu einem gewissen Grade lindern) kommt auch bei vielen Frauen die Erfahrung des Allein-auf-sich-angewiesen-seins, manchmal auch die plötzliche Aufgabe, sich mit Dingen beschäftigen zu müssen, die immer der Mann gemacht hat, Finanzangelegenheiten, Versicherungsangelegenheiten, Autoangelegenheiten, Grundstücksfragen oder Wohnungsangelegenheiten usw. usf.
Das sind dann Probleme, insbesondere bei älteren Generationen, die bewältigt werden müssen.
Dann die Frage der Versorgung, des Lebensunterhaltes – ein Lohn, wenn die Frauen früh Witwen wurden, oder eine Rente fällt weg, das stellt in der Unterhaltung von Haus, Wohnung und Hof durchaus vor Probleme, auch wenn Lebensversicherungen und ähnliche Absicherungen heute vor sozialen Notfallsituationen bewahren – das Leben nimmt eine rabiate Kehrtwendung.
Während an anderen Schnitt- und Wendepunkten im Leben: bei Konfirmationen, Hochzeiten, Kindsgeburten, Berufsveränderungen die Frage positiv gestellt wird: „Wie geht es jetzt lang, was muss ich tun?“ heißt im Fall der Witwe die Frage: „Wie soll das jetzt nur weitergehen?“
Es ist daher schon beachtlich, dass in der Hl. Schrift der Stand der Witwen unter einer besonderen Aufmerksamkeit steht.
Wir finden sowohl im Alten Testament, als auch im Neuen Testament Hinweise darauf, in welch schutz- und versorgungslosen Situation Frauen standen, wenn sie Witwen wurden.
So finden wir im Buch Maleachi die Warnung des Propheten, der im Auftrag Gottes sprach, Witwen und Waisen nicht zu bedrücken und im 5. Buch Mose wird der Fluch über die gelegt, die das Recht der Witwe beugen. Auch im Buch der Sprüche ein Gedanke: „Das Haus der Hochmütigen reißt der Herr nieder, aber er legt fest die Grenze der Witwe.“
Aber auch im Neuen Testament finden sich Notizen zur Situation der Witwen. So sagt Jesus und das geben die drei ersten Evangelien gemeinsam fast wörtlich wieder: „Wehe euch ihr Schriftgelehrten und Pharisäer. Heuchler ! Ihr verschlingt der
Witwen Häuser und verrichtet zum Schein lange Gebete.“
Heute würde Jesus vielleicht anders formulieren: „Weh euch ihr Banken und Versicherungen. Ihr rafft euch der arbeitslos Gewordenen Häuser und Grundstücke und rechtfertigt euch mit langem Palaver über Gesetz und Bilanzen.“ Sie sehen, die Frage der sozialen Situation von Menschen, von Schwachen, Mittellosen hat sich nur wenig geändert.
Wenn man diese Bibelstellen und noch einige andere liest, dann wird man also zwei Dinge feststellen:
1. Witwen waren in der damaligen Zeit, wenn der Mann, der Versorger und Beschützer, als Garant für ein sicheres Leben und Wohnen starb, völlig recht- und schutzlos. Sie waren der Willkür derer ausgeliefert, die ihre schwache Situation ausnutzten, um sich deren Häuser und Gut und Hab unter die Nägel zu reißen.
Das ging sogar soweit, dass - heute würden wir sagen „Kuckuckskleber“ - die Kleider von Witwen pfändeten. Denn ebenfalls im 5. Buch Mose findet sich eine Stelle, in der Gott gebietet, dass niemand das Kleid einer Witwe pfänden soll. Dieses Gebot wäre nicht notwendig, wenn die Wirklichkeit nicht dieses Gebot notwendig gemacht hätte.
2. Dem gegenüber stellt Gott durch viele Worte der Propheten, durch Jesus, durch die Heilige Schrift, Schwache und dafür stehen in besonderer Weise die Witwen unter einen besonderen Schutz.
Im NT finden sich dazu einige Hinweise, dass es in den ersten christlichen Gemeinden tatsächliche eine tägliche geregelte Witwenversorgung gegeben hat, aber nicht nur rein äußerlich mit Essen und Kleidung, sondern es waren Frauen der Gemeinde dazu beauftragt, sich seelsorgerlich um die Witwen zu kümmern, ein völliges Novum in damaliger Zeit.
Es gilt also für Gott nicht, was rechnerisch aufgeht, wirtschaftlich zu rechtfertigen ist, was nach den gnadenlos kalten Gesetzen der Ökonomie machbar oder nicht machbar ist, sondern es gilt für Gott, ob im Umgang und der Hinwendung zu den Schwachen, den Witwen insbesondere, aber auch den Waisen, Fremdlingen, Armen, Kranken, ob da sein Wesen, das nach dem Johannesevangelium „Liebe“ ist, ob das sichtbar wird und ob wir erkennen, dass die Würde des Menschen über den wirtschaftlichen Bilanzen steht und nicht von einer aufgehenden Bilanz abhängig ist. Der Fluch Gottes steht über denjenigen, die das Recht der Schwachen beugen – und hier ist nicht das gemachte Recht einer Politik gemeint, die nur Suppenkasper der Wirtschaft ist, sondern hier ist Gottesrecht und Gottesschutz gemeint und das tickt anders.
Liebe Gemeinde,
wenn wir heute das 100jährige Jubiläum dieser Friedhofskapelle am Deich feiern,
wobei ich bei dem Wort „feiern“ im Blick auf eine Friedhofskapelle meine Schwierigkeiten habe, dann ist natürlich das Unter-Thema „Witwen“ in unserer derzeitigen Predigtreihe „Verwandte und Bekannte – Aufgabe, Geschenk oder Plage“ durchaus sinnvoll, weil an solchen Orten wie dieser, der Stand der Witwe im Leben einer Frau ihren alltäglichen Anfang nimmt.
Wenn sie diesen Ort verlässt nach einer Beerdigung ist ihr Leben nicht mehr dasselbe. Ihr Alltag beginnt einen zunächst recht schweren und gleichzeitig neuen Weg, den sie sich Schritt für Schritt erkämpfen muss. Und für mich stellt sich dabei die Frage im Blick auf das heutige Thema, ob die christliche Gemeinde immer noch die Witwen auffängt, so wie es im NT beschrieben ist: dass sie unter einer besonderen Aufmerksamkeit und Zuwendung der Gemeinde stehen, die ihnen Hilfe anbietet für diesen neuen schweren Lebensabschnitt?
Auf den Dörfern ist diese gegenseitige äußere und innere Zuwendung möglicherweise noch da – aber wie sieht das in den Städten aus?
Und das Zweite, was mich besonders im Blick auf diese Kapelle bewegt:
Es ist ein Stück Dankbarkeit und Freude darüber, dass dieser Ort nicht nur ein Ort des Abschiednehmens, der Trauer und des Leids ist, sondern dass dieser Ort seit dem 20.04.1992 – damals mit 22 Gottesdienstbesuchern - auch als Gottesdienstort der kleinen Jageler und Lütkenwischer Gemeinde mit gelegentlichen Gästen, ein Ort ist, an dem eben nicht nur das Ende unseres irdischen Lebensweges sichtbar vor Augen ist, sondern an dem Gottes Da-sein in dieser Welt verkündigt werden kann, an dem verkündigt werden kann, dass durch unseren Glauben an das Kreuz von Jesus Christus unser Weg eben nicht zu Ende ist, sondern dass unser Weg in die Gegenwart Gottes, in sein Reich führt.
Ich weiß, dass es schwer fassbar ist mit unserer geringen menschlichen Vorstellungskraft, aber hier sollten wir dem Zeugnis der Hl. Schrift einfach vertrauen. Und zu so einem Gottvertrauen möchte und werde ich ihnen Mut machen, solange wir hier noch Gottesdienste feiern und solange ich hier in dieser Kapelle noch Menschen begleite, die einen geliebten Menschen begraben müssen
Werner Krusche, der frühere Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, schrieb in Erinnerung an den Tod seiner Mutter, die er nie bewusst kennengelernt hatte (sie starb als er etwa 1 ½ Jahr alt war): „Es müsste ein unbeschreiblicher Augenblick sein, ihr jetzt von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Aber davon wissen wir nichts und doch gibt es „in Christus“ im Wirklichkeitsbereich seiner Liebe, ein bleibendes Verbundensein zwischen den von seiner grenzenlosen Liebe Geliebten.“
In diesem Sinne werde ich ihnen auch in Zukunft Mut machen – auch in den schweren Stunden, die wir hier miteinander teilen müssen, an dieser Hoffnung „in Christus“ fest zuhalten. Einen besseren Trost gibt es nicht. Amen
 
 
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