Gedanken zum Tag - Kirche-Lenzen-Lanz-Seedorf

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Aktuelles





Herrnhuter Losung

des Tages

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Liebe Leser und Freunde unserer Gemeinden!

Die Jahreslosung für das Jahr 2021 lautet „Seid barmherzig, wie auch euer Vater (im Himmel) barmherzig ist.“ (Lukas 6,36).
Man ist beim Lesen und Hören dieses Satzes von Jesus schnell dabei, Barmherzigkeit auf den diakonischen Gedanken zu reduzieren. Also an die Zuwendung und Fürsorge an Kranke, Arme und Benachteiligte zu denken. Doch ich denke: Barmherzigkeit ist mehr und vielschichtiger. Fragen Sie sich zunächst selbst:
Sind Sie ein barmherziger Mensch? Manchmal überlege ich: wie muss ich sein, wenn ich barmherzig sein will? Vielleicht so, wie ich jüngst auf einer Karte las:
nachsichtig, freundlich, behutsam, hingebungsvoll, gelinde, nachgiebig, großzügig, verständnisvoll, gnädig, mildtätig, herzlich, liebenswürdig, sensibel, friedfertig, tolerant, entsagungsvoll usw. usf.
Das klingt schon nach Perfektion in Sachen Barmherzigkeit. Ganz ehrlich: hier muss ich passen. Ich bin (leider) nicht perfekt. Mal bin ich freundlich, aber nicht großzügig. Ein andermal bin ich mildtätig, aber nicht behutsam und wieder ein andermal bin ich tolerant, aber nicht sensibel und auch hier: usw. usf.
Aber mich bewegt bei dieser Jahreslosung auch der Gedanke: schließt Barmherzigkeit Wahrheit aus? Manchmal ist es nötig, einem Menschen die Wahrheit zu sagen und dann wirkt Wahrheit unter Umständen unbarmherzig. Wie lösen Sie das ethische Dilemma?
Oder wie erleben Sie das Verhältnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Sicher ist es barmherzig 1,1 Millionen Flüchtlinge in Deutschland unterzubringen, aber ist es gerecht gegenüber den 678.000 Obdachlosen (Stand der Zahlen von 2019) in Deutschland, über deren Unterbringung kein so großer kirchlich-gesellschaftlicher Aufwand betrieben wird? Aber soll man deshalb gegenüber den Flüchtlingen nicht barmherzig sein?
Sie sehen: an irgendeiner Stelle in diesem Leben und im Blick auf die Barmherzigkeit bleiben wir vergebungsbedürftig und können uns nicht selbst entschuldigen.
Deshalb bin ich dankbar, dass ich mit meiner Vergebungsbedürftigkeit an den Tisch unseres Herrn Jesus Christus gehen kann, um beim Abendmahl in seiner Gegenwart Vergebung von dieser und anderer Schuld zu erlangen und um IHM die Brüchigkeit meines Lebens in die Hände zu geben.
So wie die Gestaltung der ehemaligen Friedhofskapelle bei der Trübener Kirche in der Nähe von Zerbst (Anhalt) zeigt (siehe Bild oben): auch der heutige Mensch kann Teilnehmer des Abendmahles am Gründonnerstag sein und ist mit hineingenommen in die Vergebung, die Jesus schenkt. Lassen Sie sich deshalb herzlich zu einer Andacht mit Abendmahl am Gründonnerstagabend in die Lanzer Kirche einladen!

Herzlich Ihr Pfarrer Wolfgang Nier

Die Jahreslosung 2021
Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Lukas 6,36 (L=E)

Auslegung der Jahreslosung 2021
Gespräche im Geschwisterkreis über die Eltern können sehr aufschlussreich sein. Erstaunlich, wie unterschiedlich Vater und Mutter von ihren Kindern wahrgenommen werden. Manches bricht erst nach dem Tod eines Elternteils auf. Da können Sätze fallen wie: „Redest du gerade von unserem Vater? Habe ich da was verpasst oder du was verdrängt?“ Oder: „Ich werde es nie vergessen, wie Papa mich in meiner schwierigen Phase nicht fallen ließ!“
Nicht weniger spannend können Gespräche darüber sein, welche Rolle Gott in unserem Leben spielt. Gerade in Krisenzeiten kommt an die Oberfläche, wer Gott für uns ist: Fühlt er mit oder lässt ihn menschliches Elend unberührt? Hat er das Sagen in unserer Welt oder überlässt er das ihren Mächtigen? Ist er gerecht oder ungerecht, allmächtig oder hilflos, herzlos oder barmherzig?
„Gott ist barmherzig“, behauptet Jesus ungeachtet aller Fragen und Vorstellungen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn er sie auffordert:
„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
Viele Menschen sind unterwegs zu ihm. Manche haben hautnah erlebt, wie Jesus sich ausgerechnet ihnen zuwendet, wo sie doch sonst zu denen am Rande, zu den Ausgestoßenen zählen - gerade aus Sicht der Frommen und ihrer religiösen Führer. Die Zahl der Menschen um Jesus wird immer größer. Die einen halten etwas Abstand, die anderen sind ganz dicht dabei. So auch seine zwölf Jünger, die er gerade erst aus ihrem bisherigen Leben heraus- und in seine Nachfolge hineingerufen hat. Jesus lädt sie ein, ihr Leben verändern zu lassen:
„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
Der Arzt Lukas erzählt in seinem Evangelium die meisten Heilungsgeschichten. Er richtet seinen Blick nicht auf die Mächtigen, sondern auf die kleinen Leute, die Schwachen und Beladenen: auf Kranke, Hirten, Huren, Witwen, Waisen, auf die „Zöllner und Sünder“. Ihr Leid geht Jesus ans Herz und treibt ihn an Orte, die alle anderen meiden. Er ist da, wo die Starken den von Gott gesandten Messias niemals suchen würden.
Das begann schon mit seiner Geburt. Die Künstlerin Stefanie Bahlinger wählt einfaches Sackleinen als Untergrund ihrer Grafik, in deren Mitte ein kleines von warmem Rot umgebenes Kind liegt - ein Hinweis auf die ursprüngliche Bedeutung von „Barmherzigkeit“: Gebärmutter, Mutterleib. In diesem Kind kommt Gott selbst zur Welt, in die Niederungen seiner geliebten Schöpfung. Angedeutet durch einen Ausschnitt des Erdenrunds dahinter. Genau dieses Motiv des heruntergekommenen Gottes wählt die Künstlerin zur Illustration seiner „Ureigenschaft“, seiner Barmherzigkeit. In Jesus wird sie greifbar, macht Gott sich angreifbar. So ist das von warmem Gelbgold umstrahlte göttliche Kind schon gezeichnet durch das Kreuz.
Wer Jesus begegnet, erfährt Heil und Rettung im Hier und Jetzt. „Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen“, so kündigt Johannes der Täufer Jesus an (Lukas 3,6).
Gott liebt und erbarmt sich seiner Menschenkinder. Er sucht Verlorene und feiert Freudenfeste für Gefundene. Jesus zitiert in der Synagoge von Nazareth das Prophetenwort aus Jesaja 61,1-2 und weiß es in seiner Person erfüllt: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ (Lukas 4, 18. 19)
Die Jesusgeschichte deutet der Evangelist Lukas als Fortsetzung der Geschichte Gottes mit Israel. Gottes Heilsgeschichte kann durch nichts und niemanden aufgehalten werden. Alle, die Jesus nachfolgen, sind Teil dieser Geschichte und sind dazu aufgerufen, sein Reich mitzugestalten. Wie kann das geschehen?
„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
Egal wie andere leben: „Seid barmherzig!“ Nicht am Verhalten anderer sollen wir uns orientieren. Auch nicht daran, was für uns selbst dabei herausspringt. Maßgeblich ist allein Gottes leidenschaftliche Barmherzigkeit, die uns durch seine Gnade und Treue „unverdient“ widerfährt.
Ist es nicht anmaßend, diesem hohen Anspruch Jesu genügen zu wollen? Mit reinem Gutmenschentum komme ich da schnell an meine Grenzen. Mein Staunen über Jesu vorbildliche Taten und Worte bringen mich auch nicht weiter. Mich beeindruckt in der Grafik die Dynamik, die von dem rundum geborgenen Kind ausgeht. Im Bauhausstil aneinandergefügte warmtonige Flächen breiten sich aus und bilden einen schützenden Raum. Mit den Rot- und Orangetönen nimmt die Künstlerin die bereits über dem Kind lodernde Flamme des Heiligen Geistes auf. Der bewegt seit Pfingsten Menschen über Generationen hinweg, sein Reich zu bauen, sein heilsames Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen. Durchaus facetten- und stilreich in ihrer jeweiligen Zeit. Warmweiß leuchtet sein Reich schon im Hintergrund auf.
In der unteren linken Bildhälfte zeichnen sich unklare, wirre Linien ab, die nach oben hin stärker werden. In der rechten Bildhälfte ziehen sich klare weiße Linien von unten nach oben durch und bilden zusammen mit den schwachen Linien der anderen Seite den Spitzbogen eines gotischen Fensters. Auf der linken Seite scheint das Fenster verletzt, auf der rechten nahezu unversehrt, in der Mitte heil zu sein. Doch das Kreuz auf dem Körper des Kindes weist schon auf sein Leiden und Sterben hin und erinnert an sein Wort: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.“ (Johannes 6, 51). Sein Blut, Zeichen seiner Liebe zu uns, durchdringt und verändert die Erde.
In der Grafik steckt keine sichtbare Aktion. Sie strahlt vielmehr die unzerstörbare, weltverändernde Kraft der Barmherzigkeit Gottes aus, an der auch seine Kinder teilhaben und die sie verändert. Sie verändert auch mich und hilft mir dabei, auch mit mir selbst barmherzig zu sein. Nichts muss ich geben, was mir nicht selbst geschenkt ist.
„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
Nur deshalb ist Jesu Ruf keine Überforderung. Weil mir in Jesus Gottes Barmherzigkeit begegnet, kann ich es auch aushalten, dass ich so Vieles von Gott nicht verstehe. Wie gut, dass auch ER mich mit meinen Fragen und Zweifeln aushält und ich ihn Vater nennen darf. Sein Herz schlägt nun einmal für seine Kinder, besonders für die Kleinen und Schwachen. Bei ihm bin ich geborgen und gehalten wie der Säugling in der Grafik.
Er gebraucht meine unsicheren und zaghaften „Linien“ und bestärkt und vollendet sie wie im strahlend weißen Bogen der Grafik. Ihm ist auch mein persönliches Lebenshaus, als Umriss von der Künstlerin leicht skizziert, nicht zu klein, um darin Wohnung zu nehmen und sie zu gestalten.
Mein Gebet ist es, dass seine Nähe und Liebe mich verändern und zu einem barmherzigen Menschen machen. Dass ER mich korrigiert, wo ich, bewusst oder unbewusst, mich selbst oder andere zum Maßstab meines Handelns mache. Gott schenke mir Beherztheit, da wach und präsent zu sein, wo ich gefordert bin. Ohne krampfhaften Druck, die Welt, und sei es auch nur meine kleine Welt, retten zu müssen. Es darf mich jedoch nicht länger kalt lassen, wenn jemand ins Abseits gerät, egal aus welchem Grund. „Die ist für mich gestorben!“, gilt nicht mehr. Ich bin gefragt und möchte immer wieder neu erkennen, wann, wo und wie ich „Nächste“ sein kann.
Längst nicht immer sind Kinder erfreut und ermutigt durch den Ausruf: „Ganz der Vater!“ In diesem Fall schon.

Auslegungstext: Renate Karnstein
Motiv: Stefanie Bahlinger
Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Lk 6,36
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